Auszug aus der deutschsprachigen Budapester Zeitung (15. Jahrgang / Nr. 44) Budapest, 1. - 7. November 2013
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(Titelblatt)

"Die Unsterbliche"

An diesem Sonntag jährt sich der Geburtstag der berühmten ungarischen Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin, Marika Rökk, zum hundertsten Mal. Tochter und Schauspielerin Gabriele Jacoby sowie Opernsänger Johannes von Duisburg haben für diesen Tag eine Galaveranstaltung im Operetten-Theater organisiert. Auf dem Bild sind beide zu sehen im Corinthia Hotel Budapest, einem der Sponsoren des Abends, außerdem die Jubilarin in dem Film „Eine Nacht im Mai“ aus dem Jahre 1938, als der deutsch-ungarische Star gerade einmal ein viertel Jahrhundert alt war.

(Gabriele Jacoby und Johannes von Duisburg)
 
(Dieses Bild zu "Eine Nacht im Mai" unterscheidet sich von dem Bild in der BZ)

Lesen Sie die Rökk-Interviews von Gabriele Jacoby und Johannes von Duisburg auf den Seiten 8 und 9

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(Seite 8, 9)

Gespräch mit der Schauspielerin und Marika Rökk-Tochter Gabriele Jacoby

„In ihrem Herzen war sie immer Ungarin“

Am kommenden Sonntag jährt sich der Geburtstag der berühmten ungarischen Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin Marika Rökk zum hundertsten Mal. Aus diesem Anlass findet an diesem Tag im Budapester Operetten-Theater eine große Galaveranstaltung statt, an der unter anderem ihre Tochter, die Schauspielerin Gabriele Jacoby, auf der Bühne mitwirken wird. Im Vorfeld sprachen wir mit ihr über ihre Mutter, aber auch über ihre Tierschutzaktivitäten.

Wie steht es um die Vorbereitungen für die Gala?

Ausgezeichnet. Es wird eine dem hundertsten Geburtstag meiner Mutter angemessene Gala, nicht zuletzt dank des unermüdlichen Wirkens des deutschen Opernsängers Johannes von Duisburg, ohne den das Ganze nicht zustande gekommen wäre. Ich finde es wunderschön, dass sie in Ungarn stattfindet. Es wäre ganz im Sinne meiner Mutter gewesen. Sie hat zwar den größten Teil ihres Lebens außerhalb Ungarns zugebracht, zubringen müssen, in ihrem Herzen war sie aber immer Ungarin. Wir haben zu Hause viel von Ungarn gesprochen. Die Gala in Budapest stattfinden zu lassen, ist aber auch insofern berechtigt, als ihre Karriere sowohl hier begann als auch hier endete, nämlich 1993 als Gräfin Mariza. Da war sie bereits 80. Es war damals ein sehr schönes Erlebnis für sie, endlich wieder auf einer ungarischen Bühne zu stehen. Sie war so glücklich, dass sie das noch erleben konnte.

Welche Berührungspunkte mit Ungarn gab es noch?

Zwischen ihren Auftritten und Tourneen war sie immer wieder in Budapest. Allein schon, um ihre Verwandten zu besuchen. Später hatte sie sogar ein Haus in Budapest, das nach dem Krieg freilich enteignet wurde. In der kommunistischen Zeit hatte sie Ungarn nicht mehr betreten. Nicht zuletzt aus Sicherheitserwägungen. Immerhin hatte Diktator Rákosi deutlich gemacht, dass meine Mutter sofort verhaftet würde, wenn sie ihren Fuß nach Ungarn setzen sollte. Dieser Hass auf meine Mutter ist insofern paradox, als sie in der damaligen Sowjetunion wiederum als großer Star geschätzt wurde. Ihre Filme sind dort alle synchronisiert gezeigt worden, während in ihrem Heimatland Ungarn erst jetzt damit begonnen wird, sie schrittweise zu synchronisieren. Auch ihre erste umfassende Biographie, die erst jetzt auf Ungarisch erscheint, gibt es schon lange als russische Übersetzung. Vor kurzem stand ein alter russischer General bei mir in Baden vor der Tür, wo ich seit 2005 im umgebauten Haus der Mutter lebe. Er war damals in Traiskirchen stationiert gewesen und hatte meine Mutter mehrfach bei Auftritten erlebt. Seitdem ist er ein großer Verehrer von ihr. Er war voll Glück, wenigstens mich noch anzutreffen. Er hatte einen großen Strauß Rosen mitgebracht. Wir sind dann zum Grab meiner Mutter gefahren und haben ihn dort niedergelegt. Seitdem ruft mich dieser gute Mann immer wieder an. Ab und zu schickt er mir sogar Geld für meine Tierschutzprojekte, was ich rührend finde.


Marika Rökk 1939 in "Hallo Janine"

War nach dem Budapester Auftritt Ihrer Mutter wirklich Schluss für ihre Bühnenkarriere?

Im Wesentlichen ja. Nennenswert ist danach nur noch zwei Jahre später ein Auftritt bei der Carmen Nebel-Show. Zehn Jahre später bin ich übrigens mit denselben Liedern in der Show bei Florian Silbereisen aufgetreten. Es war ein Riesenerfolg! In meiner ganzen 50­jährigen Theaterlaufbahn mit Shakespeare und Molière war mir nie so ein großer Erfolg beschieden gewesen. Aber klar: Natürlich haben die Leute eine zweite Rökk in mir gesehen oder sehen wollen. Das war für mich als eigenständige Schauspielerin mit einem eigenen Namen schon eine schwierige Sache, Tochter einer so berühmten Mutter zu sein, ist nicht ganz unproblematisch.

Dabei haben Sie aber deutlich andere Akzente gesetzt. So wählten Sie etwa eine eher klassische Schauspielerinnenlaufbahn.

Ja, obwohl es mich immer auch ein wenig zum Musikalischen hin gedrängt hatte, lag mein Hauptaugenmerk immer auf dem Schauspielen. Ich habe das Reinhardt-Seminar in Wien besucht, ging dann ins erste Engagement nach Salzburg, wo ich unter anderen mit Klaus Maria Brandauer auf der Bühne stand, dann zum großen Theatermann Karl­Heinz Stroux nach Düsseldorf. Danach kam ich zurück ans Theater an der Wien. Dort wurde ich von Direktor Rolf Kutschera durch einen Auftritt mit der Mutter fürs Musical-Fach entdeckt. Er hatte mich für My Fair Lady als Eliza Doolittle engagiert. My Fair Lady kam damals zum ersten Mal in einer österreichischen Fassung auf die Bühne und wurde ein Riesenerfolg. Später bin ich unter anderen mit Michael Heltau in dem Musical „Helden, Helden“ aufgetreten, das nach einer Vorlage von George Bernhard Shaw von Udo Jürgens als Musical verarbeitet wurde. Insgesamt zwanzig Jahre lang war ich danach am Theater in der Josefstadt engagiert. Es war eine tolle Zeit, in der ich alles rauf und runter gespielt habe. 2009 stand ich dann das letzte Mal auf einer großen Bühne und zwar in Mörbisch als Mrs. Higgins in My Fair Lady. Somit hatte sich auch für mich ein Kreis geschlossen: Richtig begonnen hatte es 1969 mit der Eliza, 40 Jahre später spielte ich im gleichen Stück die Mutter.

Sind Sie schon einmal in Ungarn aufgetreten?

Ja, vor Jahren bin ich einmal im Vígszínház mit einer Produktion des Volkstheaters Wien, „Das Konzert“ von Hermann Bahr, aufgetreten. Der Auftritt am 3. November wird also mein zweiter in Ungarn, aber hoffentlich nicht letzter sein. Es muss ja auch nicht unbedingt ein Auftritt auf einer großen Theaterbühne sein, in Österreich trete ich auch bei Gedicht­ und Chanson­Abenden auf. Weil es mir Spaß macht und mich fit hält,  aber auch um auf diese Weise etwas Geld für meine Tierschutzprojekte einzunehmen. 1997 hatte ich auf Korfu den Verein „The Ark – The friends of animals“ insbesondere zum Schutz von Hunden gegründet. Seither habe ich über 200 ausgesetzte Tiere von dort vermittelt. Seit einigen Jahren engagiere ich mich auch im Rahmen des österreichischen Vereins „Animal Live ­Tierschutz ohne Grenzen“ für die Rettung von Hunden. Wegen meines ungarischen Hintergrunds bin ich dabei insbesondere in Ungarn aktiv. In der Nähe der westungarischen Stadt Pápa unterhalten wir ein eigenes Tierheim. Ich kann übrigens alle Hundebesitzer nur auffordern, sich bei einer Weggabe oder Aussetzung ihrer Hunde genau über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Viele haben die Illusion, ihre Hunde kämen in Tierheime. Dabei sind viele dieser Einrichtungen eher Abdeckereien, also reine Tötungsstationen, in denen die Hunde nach ein paar Wochen umgebracht werden. Zum Glück konnte mein Verein hier helfen: In den vergangenen zehn Jahren konnten wir in Ungarn etwa 15.000 Hunde vor dem sicheren Tod bewahren. Dahinter steht ein großer finanzieller Aufwand. Immerhin müssen die Tiere vermittelt, transportiert und tierärztlich versorgt werden. Auch ist der Abstimmungsbedarf enorm. Nachhaltig gelöst werden kann das Problem aber nicht mit unserer Hilfe, sondern vor allem durch eine Eindämmung der Vermehrung, sprich durch Kastrationen, besonders im ländlichen Raum. Zu vielen dieser sogenannten Tierheime, insbesondere im westungarischen Raum, unterhalten wir inzwischen sehr gute Arbeitsbeziehungen. Das macht unsere Sache leichter. Und so gelingt es uns auch meistens, die Tiere vor dem Schlimmsten zu bewahren. Bei der Kontaktpflege mit den Wärtern kommt mir sehr zugute, dass ich fast muttersprachlich Ungarisch spreche.

Wie hat sich das ergeben? Ihre Eltern werden sich ja wohl kaum auf Ungarisch unterhalten haben, und Ihre Mutter war selten zu Hause.

Ich bin bei den Großeltern aufgewachsen. Mein Großvater ist leider sehr früh gestorben, aber Gottseidank hat meine Großmutter bis zu meinem 17. Lebensjahr gelebt und sich liebevoll um mich gekümmert. Meine Mutter war ja ständig auf Tournee, zu Hause war sie immer nur kurz auf  Besuch. Ich hatte aber das große Glück, dass meine Großmutter immer für mich da war. Als sie starb, war das für mich ein furchtbarer Schlag. Dank der Nähe zu ihr wurde Ungarisch meine erste Sprache. Das enge Verhältnis zu ihr war sicher auch der Grund, warum ich meine Mutter nicht mit „Mama“ angesprochen habe, sie war für mich immer „Marika Mama“ und meine Großmutter die Nagymama.

Dank Ihrer besonderen „Lehrerin“ sprechen Sie wahrscheinlich besser Ungarisch als Ihre Mutter Deutsch, das sie sich als Fremdsprache erst in späteren Jahren mühsam aneignen musste.

Vielleicht, es ist schwer zu sagen. Meine Mutter hat nicht schlecht deutsch gesprochen. Abgesehen vom „Der­die­das“­Theater hatte sie kaum grammatikalische Fehler gemacht. Natürlich wird die Erinnerung an sie gerne mit diesem gewissen Akzent verknüpft. (Sie ahmt den typischen Akzent der Ungarn nach, auf Grund dessen man deutschsprechende Ausländer leicht als Ungarn ausmachen kann.) Am Anfang ihrer Karriere im deutschen Sprachraum hat sie vielleicht auch noch so gesprochen. Dann hatte sie sich aber in Berlin eine Lehrerin genommen und hart an der Verbesserung ihre Deutschkenntnisse und ihrer deutschen Aussprache gearbeitet. Mit Erfolg, wie man leicht feststellen kann, wenn man sich ihre späteren Filme anschaut. Sie hat sich stets sehr bemüht, Hochdeutsch zu sprechen. Aber nicht zuletzt durch die Höhe ihrer Stimme klang das für viele immer noch ein wenig fremd. Trotz aller Anstrengungen hat sie die Ungarin aber nie ganz aus ihrer deutschen Aussprache rausbekommen. Aber natürlich war das eine tolle Farbe, die mit zu ihrer großen Karriere beigetragen hat. Übrigens sprach sie immer gleichermaßen Deutsch, ob nun vor Mikrofonen oder in ganz privatem Rahmen. Ihre spezielle Art Deutsch zu sprechen, war also auf keinen Fall gespielt.

Und Ihr Temperament? War sie auch privat so temperamentvoll?

Ja, durchaus. Wenngleich sie sich zu Hause doch schon etwas mehr zurückgehalten hat als etwa mit den Regisseuren. Mein Vater musste bei der Arbeit auch schon einiges mitmachen. Da flogen schon manchmal die Vasen und sonst etwas. Aber wie gesagt: Wir hatten kein so intensives, enges Zusammenleben wie andere Familien. Aufgewachsen bin ich vor allem mit der Großmutter, später beschränkte sich der Kontakt mit meiner Mutter auf ein ­ zwei Besuche im Monat und gemeinsame Weihnachten. Gottseidank war auch ich später sehr gut beschäftigt.

Wie lange war Ihre Mutter noch aktiv?

Ihren letzten Auftritt hatte sie bei der Carmen­Nebel­Show 1998 aus Anlass der Verleihung des Ehrenbambis, ihres fünften Bambis. Sie hatte diese begehrte deutsche Auszeichnung übrigens nicht nur fleißig gesammelt, auch ihren Namen hat
sie, genauer gesagt habe ich geprägt. 1948 hatte die Mutter diesen Preis zum ersten Mal gewonnen. So wie heute handelte es sich um ein weißes Reh aus Porzellan. Allerdings war es abgesehen von einer trockenen Preisbezeichnung noch anonym. Als sie mit dem Reh nach Hause kam, hatte ich schon geschlafen. Weil sie wusste, dass ich mich sehr für Tiere interessiere, hatte sie mich aber geweckt und mir den Preis gezeigt. Im Halbschlaf sehe ich dieses weiße Porzellanreh. Da ich damals mit meinen acht Jahren gerade unter dem Eindruck des Bambi­Filmes von Walt Disney stand, rief ich voll Freude: „Ein Bambi, Du hast mir ein Bambi mit nach Hause gebracht!“. Am nächsten Tag erzählte Mutter diese Begebenheit ihren Arbeitskollegen. Wenig später hatte sich der neue Name allseits durchgesetzt. Ein Jahr darauf wurde der Preis bereits unter dem Namen „Bambi“ verliehen.

Was gibt es von den ungarischen Verwandten ihrer Mutter zu berichten?

Mein Großvater, der Ungarndeutsche Eduárd Rökk, war Architekt. In dieser Eigenschaft hielt er sich zum Zeitpunkt der Geburt meiner Mutter auch in Ägypten auf, wo er an einem Projekt arbeitete. Deshalb ist Kairo der Geburtsort meiner Mutter. Später hängte er jedoch seinen Beruf an den Nagel und unterstützte seine Tochter bei ihrer Karriere, von der er anfangs übrigens nichts wissen wollte und arg dagegen war, sodass es von Seiten meiner Großmutter viel diplomatischen Geschickes bedurfte, ihn umzustimmen. Er gab aus gutem Grund nach, immerhin stammte der Großteil der Gene, der sie zu einem intensiveren Einsatz ihrer Beine befähigte, wohl von ihm, er war nämlich ein guter Fußballer. Auch dem Bruder meiner Mutter wurde diese Befähigung zuteil, auch er wurde ein guter Fußballer. Er spielte sogar in einer bekannten Mannschaft. Den größten Fußballspieler gab es jedoch großmütterlicherseits,­nämlich­ Jeno Károly, der auch international bekannt war. Er spielte unter anderem bei Juventus Turin und hatte einen wesentlichen Anteil am Aufbau dieses Clubs. Er ist auch in Turin begraben. Also mit den Füßen hat‘s die Familie gehabt. Bloß gut, dass es, als meine Mutter heranwuchs, mit dem Frauenfußball noch nicht so weit war, so entwickelte sich die Begabung bei ihr hin zum Tanzen.

Wie wurde ihre besondere Begabung entdeckt?

Die Kleine hatte schon immer gern für sich getanzt, auch in der Öffentlichkeit. Einmal waren meine Großeltern auf Erholung in Hévíz. Beim Fünf­Uhr­Tee wurde Musik gespielt. Da ist sie spontan auf die Bühne gesprungen und hat sich zum Gaudium der Gäste produziert. Unter ihnen saß auch die berühmte ungarische Schauspielerin Mari Jászai, der dieses Talent sofort ins Auge stach. Sie ging dann zu meiner Großmutter und eröffnete ihr, dass ihre Tochter Talent zum Tanz habe und empfahl ihr, ihr eine Tanzausbildung zuteil werden zu lassen. Damals konnte davon allerdings noch keine Rede sein, insbesondere, weil meine Grußmutter ahnte, dass mein Großvater nichts davon halten würde. Deswegen wurde diese Episode vor ihm verschwiegen. Bei meiner Großmutter bohrte die Idee aber weiter. Schließlich kam die Sache doch zur Sprache und meine Mutter konnte ihn umstimmen. So konnte die Ausbildung meiner Mutter als Tänzerin schließlich doch ohne Umwege beginnen. Ihre erste große Rolle übernahm sie damals am Operettentheater von der Honti, die dafür schon zu alt geworden war. Mit der Rolle als Cilike hatte sie gleich einen riesengroßen Erfolg. Dann ging es
Schlag auf Schlag: Paris, New York, London und schließlich Berlin. Für den Film entdeckt wurde sie übrigens im „Stern der Manege“, das war ein Zirkus in Wien. Bei einer großen Zirkusaufführung ritt sie auf einem Pferd und zeigte ihr Können auch auf dem Trapez. Sie konnte einfach alles, sie war irrsinnig beweglich. Bis ins hohe Alter. Man schaue sich nur mal an, wie sie bei ihrem letzten großen Auftritt bei der Carmen Nebel­Show, da war sie schon 85, den wesentlich jüngeren Michael Jackson nachmacht. Sie hatte ein ausgezeichnetes Imitationsgeschick.

Wie schaffte sie es, als Tänzerin so lange durchzuhalten?

Sie hat einfach den Körper dafür gehabt. Sie war für ein Leben als Tänzerin geboren. Sie hatte eine unheimliche Kraft in den Beinen. Zur vollen Wahrheit gehört aber auch, dass dieses Talent erst durch hartes Training von klein auf zur endgültigen Entfaltung kam. Sie hatte einen starken Willen und verfügte über ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Durch die permanente Arbeit blieb sie ständig in Bewegung. All das hielt sie fit bis ins hohe Alter.

Zu ihrem 100. Geburtstag erschien mit „Marika Rökk und ihre größten Erfolge“ eine weitere Biografie von ihr. Was halten Sie von diesem Buch?

Es ist ein sehr schönes Buch geworden. Wenn man das Buch durchgelesen hat, dann weiß man über meine Mutter sehr gut Bescheid. Ich kann das Buch wirklich jedem empfehlen, der sich für das Leben meiner Mutter interessiert. Das Buch bietet aber nicht nur eine gute Erzählung ihres Lebens, sondern beschreibt auch schön illustriert all ihre großen Filme.

Welche Rökk-Biografien können Sie noch empfehlen?

Empfehlen kann ich auf jeden Fall das Buch „Herz mit Paprika“, das bereits in mehreren Auflagen erschienen ist. Jetzt wird es auf Ungarisch erscheinen. Die erste Auflage war mir noch zu Deutsch, also genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich ist. Die zweite Fassung traf ihr Wesen dann aber schon deutlich besser. Mehr als diese beiden Biografien gibt es leider nicht. Daran konnte selbst ihr runder Geburtstag nichts ändern. Wir sind ja schon froh, dass wenigstens das zuerst erwähnte Buch erscheinen konnte. Sie glauben ja gar nicht, was das für Kraftanstrengungen gekostet hat…

Selbst bei einem so großen Namen?

Tja, ich wundere mich auch manchmal, wie schnell selbst so großer Ruhm verblasst und ein einst so großer Name der Vergessenheit anheimfällt. Die jetzt über 60­Jährigen kennen sie noch aus eigenem Erleben. Aber schon die 40­ bis 50­Jährigen kennen sie nicht mehr so richtig. Mir passiert es immer wieder, dass ich irgendwo bei einem Sender anrufe und mich unter anderem als die Tochter von Marika Rökk vorstelle und vom anderen Ende der Leitung nur Unverständnis ernte. Der Ruhm ist halt sehr vergänglich. Wenn man zu sehr am Ruhm hängt, einen nur das beschäftigt und man keine anderen Interessen oder Ideale hat, dann kann es im Alter manchmal sehr hart werden. Wenn man langsam vergessen wird, wenn man auf der Straße nicht mehr so erkannt wird wie man es gewohnt war.

Wie wird der 100. Geburtstag Ihrer Mutter im Land ihres größten Ruhms, in Deutschland, gewürdigt? Wird es auch dort Galaveranstaltungen oder ähnliches geben?

Nein, nichts dergleichen. Ich war lediglich zu Frank Elstner eingeladen. Am 24. Oktober wurde das sehr angenehme Gespräch aufgenommen, am 2. November wird es um 21.50 Uhr im SWR gesendet. Das ist bisher alles. Mit Carmen Nebel wollte ich diesbezüglich Kontakt aufnehmen, bin aber über die Vorzimmerdame nicht hinaus gekommen. Das österreichische Fernsehen wird meine Mutter nur in einer Kultursendung spät in der Nacht würdigen. Außerdem werden im deutschen und österreichischen Fernsehen um den Geburtstag herum einige Filme mit meiner Mutter gezeigt.

Vor ein paar Jahren wurde einmal versucht, aus ihr eine fanatische NS-Anhängerin zu machen. Ist das Thema jetzt durch?

Das ist nie ganz durch. Es gibt immer wieder Leute, die auf diese Weise von dem großen Ruf meiner Mutter profitieren wollen. Damit es richtig fetzt, wurden teilweise reine Erfindungen in die Welt gesetzt. Etwa die von der Szene, in der sie angeblich eigenhändig und mit Inbrunst ein Hitler­Portrait bei sich zu Hause an der Wand angebracht haben soll. Ich habe sie nie mit Nagel und Hammer oder auch sonst wie handwerklich aktiv in ihrem Haus erlebt. Einmal wollte ich ihr zu einem Geburtstag ein wirklich schönes und teures Biedermeier­Portrait einer Frau schenken. Ihre Reaktion war überraschenderweise sehr abweisend. „Warum soll ich mir das Bild einer fremden Frau an die Wand hängen?“. Und so eine Frau soll sich in ihren privaten vier Wänden ein Hitler­Bild an die Wand gehängt haben. Ich war damals zu klein oder vielleicht auch noch nicht geboren, um die eine oder andere Version aus eigenem Erleben bezeugen zu können. Ich kenne aber meine Mutter sehr gut und das sagt mir, dass diese Szene eher erfunden worden ist. Auch bei der Sache mit den Hitler­Briefen sind eher Zweifel angebracht.

Wie ging es mit der Karriere Ihrer Mutter nach ‘45 weiter?

Der Höhepunkt ihrer Karriere lag sicher in den 1930er Jahren, als maßgeblich mit ihrer Unterstützung der Revue­Film in Deutschland populär gemacht wurde. In diesen Filmen hatte sie ihre größten Rollen. Zusammen mit ihrem ersten Mann, Georg Jacoby, der mit Stummfilmen begonnen hatte und etwa 250 Filme produziert hatte, drehte sie den ersten Farbfilm Deutschlands. Mit dem Ende des Siegeszugs der Revuefilme, die wesentlich durch die sogenannten Rökk­Filme geprägt worden waren, begann ihr Stern langsam zu sinken. Auf die Revuefilme folgte nach 1945 die große Welle der Heimatfilme, deren Stars Peter Alexander und andere waren. Sie hat zwar auch gerne in diesen Filmen mitgespielt, es waren aber nicht mehr „ihre“ Filme, also die typischen Rökk­Filme. Immer stärker hat sie sich dann auf die Bühne konzentriert. Ihr zweiter Mann, Fred Raul, hat spezielle Bühnen­Bearbeitungen für sie geschrieben. Eine große Zeit hatte sie noch einmal am Raimund­Theater in Wien, das sie damals mit ihrem großen Namen fast vor dem Untergang rettete. Mit den Operetten hatte sie auch in München, Hamburg und im Theater des Westens in Berlin großen Erfolg. Es ist schön, dass ihr jetzt mit der Geburtstagsgala in Budapest, der Hauptstadt ihres Herzens, noch ein posthumer Auftritt geschenkt wird. Sie wäre so glücklich, wenn sie davon wüsste!

► Jan Maika


Gespräch mit dem Galaorganisator und Opernsänger Johannes von Duisburg

„Eine hochmoderne Schauspielerin“

Wie kam Ihnen die Idee zu dieser Gala?

Die Idee kam mir, als die EU den Friedensnobelpreis bekam. Als Deutscher weiß ich sehr wohl, welches Land wesentlich dazu beigetragen hat, dass unser Land und Europa wieder zusammenwachsen konnten. Trotz dieser historischen Leistung ist Ungarn heute der Prügelknabe der EU und wird von Seiten westlicher EU­Länder massenhaft mit mieser Propaganda zugeschüttet. Ich bin fest davon überzeugt, hätten die Ungarn sich in der damaligen Situation nicht so verhalten, wie sie sich verhalten haben, wäre die Wende in Ostdeutschland nicht so unblutig verlaufen. Wenn man als Deutscher in Ungarn lebt, muss man doch etwas tun, um dafür seine Dankbarkeit zu zeigen!


Ein leidenschaftlicher Marika Rökk-Verehrer.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, diese Dankbarkeit ausgerechnet mittels einer Rökk-Gala zu zeigen?

Eines Nachts im letzten Jahr fiel mein Auge auf den schönen Rökk­Bildband bei mir im Wohnzimmer. Ohne an etwas Spezielles zu denken, nahm ich ihn in die Hand. Gedankenverloren blätterte ich darin und dachte einmal mehr: Was für eine großartige Frau! Da kam mir plötzlich in den Sinn, dass Marika Rökk jetzt irgendwann ihren 100. Geburtstag haben müsste. Dann habe ich nachgeschaut, und richtig, sie wurde 1913 geboren. Von dieser Entdeckung bis zur Idee mit der Gala waren es nur noch einige Gedankengänge.

Warum schien Ihnen die Person von Marika Rökk für Ihre Absicht, Danke zu sagen, so geeignet?

Zunächst einmal ist sie eine große Europäerin. Zweitens hat sie wie keine andere Person in den deutschsprachigen Ländern nach dem Krieg das Ungarn-Bild geprägt.

Wie ging es mit dem Projekt weiter?

Ich hatte das Glück, dass HR-Minister Zoltán Balog mein Gemeindepfarrer ist und sich rasch für dieses Projekt erwärmen ließ. Dann habe ich sofort Kontakt mit Frau Jacoby aufgenommen, die sich unverzüglich und ganz liebevoll um die Sache zu kümmern begann. Gut, einige Sachen gingen nicht so schnell, insbesondere die Suche nach Sponsoren. Ich habe aber immer Marika Rökk im Himmel gesehen, die mich von dort anfeuerte, durchzuhalten. Auch wusste ich ganz genau: Wenn man zu ihrem 100. Geburtstag nichts macht, dann ist sie für ewig vergessen. Es ist jetzt die letzte Gelegenheit, noch einmal so richtig an diese große Künstlerin zu erinnern. Das sind wir dieser großen Europäerin schuldig. Auch ist es geradezu absurd, dass diese große Ungarin ausgerechnet in ihrer Heimat so unbekannt ist. Dabei ist sie eigentlich eine der größten Botschafterinnen Ungarns gewesen.

Worin liegt die heutige Bedeutung von Marika Rökk?

Viele wissen gar nicht, wie stark diese Frau die heutige Popmusikszene beeinflusst. Man muss sich nur einmal Britney Spears mit ihren Schlangentanz anschauen, den gleichen Schlangentanz kann man auch in „Kora Terry“ sehen. Bei Michael Jackson in Moon Walker gibt es eine Szene, in der er mit einem Raumschiff durch die Gegend fliegt. In dem Film „Bühne frei für Marika“ gibt es genau die gleiche Szene. Mit ihr in der Hauptrolle wurde der erste deutsche Farbfilm gedreht. Weiterhin ist es ihr Verdienst, die Revue nach Europa geholt zu haben. Bis dahin gab es in Europa keine eigenen Revue­Filme. Sie ist die europäische Ginger Rogers. Sie ist nicht irgendeine alte Schauspielerin, sondern eine hochmoderne Schauspielerin, deren Wirkung bis in die Gegenwart anhält. Ohne sie wären wir heute auf vielen Gebieten nicht dort, wo wir sind.

Die Jubilarin ist nicht ganz unumstritten…

Es gibt immer wieder Menschen, die wie Aasgeier im Leben von großen Persönlichkeiten nach sogenannten dunklen Flecken suchen. Und wenn sie keine finden, dann helfen sie etwas nach. Das sind ganz arme Würstchen, die im Leben nichts Großes vorzuweisen haben. Im Verlaufe meiner Marika-Rökk-Recherche habe ich zwei dieser Exemplare kennengelernt. Die wollten gar nicht wissen, wie es wirklich war, sie interessierten sich gar nicht für die echte Marika Rökk. Ich sehe hier übrigens gewisse Parallelen zur Ungarn­Berichterstattung in deutschen Medien. Das einzige, was man Marika Rökk vorwerfen kann, ist, dass der Höhepunkt ihrer künstlerischen Karriere in die 1930er Jahre fiel. Aber ist denn jeder Mensch, der in einer Diktatur arbeitet, gleich ein Verbrecher? Ich habe als Opernsänger Engagements in Russland und Oman. Das sind zwar keine Diktaturen, aber auch keine „lupenreine Demokratien“. Und, was sagt das über mich und meine Weltanschauung aus? Gar nichts! Insofern lassen wir uns von gewissen Miesepetern, die sich jetzt um den 100. Geburtstag von Marika Rökk mit ihren „besonderen Informationen“ und Gedankenkonstrukten wieder verstärkt an die Öffentlichkeit drängeln, nichts vormachen und freuen uns auf eine würdige Erinnerung an diese große Künstlerin.

► JM

Link zum Titelblatt der BZ 44 und dem Feuilleton über Marika Rökk (beide im PDF-Format)

Der Link zur Marika Rökk Gala
www.rokkmarika.com

 

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